Höhenkrankheit trifft fast jeden vierten Bergsteiger, der zu schnell über 2.500 Meter aufsteigt. Sie macht keinen Unterschied zwischen Anfängern und Veteranen, zwischen trainierten Athleten und Gelegenheitswanderern. Und sie ist trotzdem fast immer vermeidbar — wenn man weiß, was man tut.

Was ist die akute Bergkrankheit (AMS)?

Die akute Bergkrankheit (englisch: Acute Mountain Sickness, AMS) entsteht durch einen zu raschen Anstieg auf große Höhen ohne ausreichende Akklimatisierung. Der Mechanismus dahinter ist denkbar einfach: Mit zunehmender Höhe sinkt der Luftdruck, und mit ihm der Sauerstoff-Partialdruck. Die Lungen bekommen weniger "Druck", um Sauerstoff ins Blut zu transportieren. Das Gehirn — das Organ, das am empfindlichsten auf Sauerstoffmangel reagiert — schlägt Alarm.

AMS ist kein Zeichen körperlicher Schwäche. Auch erfahrene Höhenbergsteiger mit Jahrzehnten auf dem Buckel bekommen sie. Die individuelle Anfälligkeit hängt vor allem von der Genetik ab — das ist halt so, und daran ändert auch das beste Training nichts.

Mit dem Oxymeter-Rechner kannst du vor jeder Tour den verfügbaren Sauerstoff auf deiner Zielhöhe berechnen und das physiologische Risiko einschätzen.

Symptome: Wie erkennt man die Bergkrankheit?

Die Symptome zeigen sich typischerweise 6–12 Stunden nach der Ankunft auf einer neuen Höhe — oft nachts oder am frühen Morgen. Das Leitsymptom, ohne das man per Definition keine AMS diagnostizieren kann, ist der Kopfschmerz: dumpf, pulsierend, wird beim Hinlegen schlimmer und reagiert kaum auf herkömmliche Schmerzmittel.

Dazu kommen, in unterschiedlicher Kombination:

  • Übelkeit oder Erbrechen (häufiger bei mittelschweren bis schweren Formen)
  • Ausgeprägte Erschöpfung — Müdigkeit, die weit über die körperliche Anstrengung hinausgeht
  • Schwindel und Gleichgewichtsstörungen
  • Schlafstörungen mit häufigem Aufwachen, oft durch periodisches Cheyne-Stokes-Atmen verursacht
  • Appetitlosigkeit — tritt schon in den ersten Stunden auf

Der Lake Louise Score

Auf Tour diagnostiziert man die Bergkrankheit mit dem Lake Louise Score (Version 2018): einem Punktesystem, das jedem Hauptsymptom 0 bis 3 Punkte zuweist. Gesamtpunktzahl ≥ 3 bei gleichzeitigem Kopfschmerz = AMS. Ab ≥ 5 Punkten liegt eine mittelschwere bis schwere Form vor, die sofortiges Handeln erfordert.

SymptomPunktzahl
Leichter Kopfschmerz1
Mäßiger Kopfschmerz2
Starker Kopfschmerz3
Leichte Übelkeit/Erbrechen1
Mäßige Übelkeit/Erbrechen2
Starkes Erbrechen3
Leichte Erschöpfung/Schwäche1
Mäßige Erschöpfung/Schwäche2
Starke Erschöpfung/Schwäche3
Leichter Schwindel1
Mäßiger Schwindel2
Starker, lähmender Schwindel3

Risikofaktoren

Nicht alle sind gleich anfällig. Die wichtigsten Risikofaktoren:

  • Vorherige Bergkrankheit: der zuverlässigste Prädiktor. Wer schon einmal auf einer bestimmten Höhe AMS hatte, wird es dort wahrscheinlich wieder bekommen
  • Aufstiegsgeschwindigkeit: der einzige Faktor, den du wirklich steuern kannst. Mehr als 300–500 Höhenmeter Schlafhöhengewinn pro Tag über 2.500 m erhöht das Risiko erheblich
  • Ausgangshöhe: wer schon in der Höhe startet, kann schneller aufsteigen als jemand, der direkt aus dem Flachland kommt
  • Junges Alter: Kinder und junge Erwachsene sind — entgegen der Erwartung — anfälliger als ältere Bergsteiger
  • Körperliche Belastung in den ersten 24 Stunden: intensive Aktivität kurz nach der Ankunft auf neuer Höhe erhöht den Sauerstoffverbrauch und verschlimmert die Hypoxie

Körperliche Fitness schützt übrigens nicht vor Bergkrankheit. Ein gut trainierter Athlet verbraucht beim Aufstieg sogar mehr Sauerstoff — das verbessert die Anpassung an chronische Hypoxie kein bisschen.

Vorbeugung: Was wirklich hilft

1. Schrittweiser Aufstieg

Die wichtigste Regel: nicht mehr als 300–500 Meter Schlafhöhengewinn pro Tag über 2.500 m. Auf je 1.000 Höhenmeter Aufstieg einen Ruhetag einplanen.

Das Prinzip „Hoch gehen, tief schlafen" — tagsüber auf größere Höhen aufsteigen, nachts wieder tiefer schlafen — ist eine der wirksamsten Methoden, die Akklimatisierung zu beschleunigen, ohne das Nachtrisiko zu erhöhen.

Mit dem Oxymeter-Rechner lässt sich die Sauerstoffverfügbarkeit auf deiner Zielhöhe im Voraus überprüfen.

2. Ausreichend trinken

In der Höhe verliert der Körper schneller Flüssigkeit: durch Hyperventilation, trockene Luft und verstärkte Harnausscheidung. Über 3.000 m sind mindestens 3–4 Liter Wasser am Tag das Minimum. Die Urinfarbe sagt mehr als jedes Gerät: hell wie Stroh = gut hydriert.

3. Alkohol und Schlafmittel meiden

Alkohol und Schlaftabletten unterdrücken den hypoxischen Atemantrieb — den Reflex, der den Körper dazu bringt, bei Sauerstoffmangel schneller zu atmen. In den ersten 48 Stunden auf einer neuen Höhe besser ganz darauf verzichten.

4. Acetazolamid als Prophylaxe

Acetazolamid (Diamox), auf ärztliche Verschreibung, senkt das AMS-Risiko deutlich. Der Wirkmechanismus: Es fördert die renale Bikarbonat-Ausscheidung, senkt den Blut-pH und stimuliert die Atmung. Standarddosierung zur Prophylaxe: 125–250 mg zweimal täglich, 24 Stunden vor dem Aufstieg beginnen.

Medizinischer Hinweis. Acetazolamid ist verschreibungspflichtig. Vor jeder Höhentour einen Arzt aufsuchen.

Behandlung: Was tun, wenn Symptome auftreten?

Leichte Formen (Lake Louise 3–4)

  • Auf derselben Höhe bleiben — keinen weiteren Meter aufsteigen, bis die Symptome abklingen
  • Ruhe in den ersten 12–24 Stunden
  • Schmerzmittel gegen den Kopfschmerz (Ibuprofen 400 mg oder Paracetamol 1000 mg)
  • Viel trinken
  • Verlauf beobachten: bessern sich die Symptome innerhalb von 24 Stunden, kann ein langsamer Wiederaufstieg erwogen werden

Mittelschwere bis schwere Formen (Lake Louise ≥ 5)

  • Sofort absteigen — mindestens 500–1.000 m tiefer. Das ist die wirksamste Maßnahme überhaupt
  • Acetazolamid 250 mg zweimal täglich beschleunigt die Erholung
  • Supplementaler Sauerstoff (2–4 l/min), wenn vorhanden
  • Tragbare Überdruckkammer (Gamow Bag) als Überbrückung bis zum Abstieg

Das Warnsignal, das man nie ignorieren darf

Wird der Kopfschmerz trotz Ruhe schlimmer, kommen Verwirrtheit, Schwierigkeiten beim geraden Gehen (Romberg-Test) oder Atemnot in Ruhe hinzu — dann haben wir es mit einer Entwicklung zu HAPE (Höhenlungenödem) oder HACE (Höhenhirnödem) zu tun. In beiden Fällen gilt: sofortige Abstiege + Notruf (112 in Deutschland und Europa).

Wann darf man wieder aufsteigen?

Nach einem vollständig abgeklungenen AMS-Anfall kann man vorsichtig wieder aufsteigen — aber erst nach mindestens 24–48 Stunden vollständiger Beschwerdefreiheit auf derselben Höhe. Wer schon öfter Bergkrankheit hatte, profitiert beim nächsten Versuch häufig von einer Acetazolamid-Prophylaxe.

Weiterlesen: HACE und HAPE — die schweren Formen der Höhenkrankheit | Alle Ratgeber zu Gesundheit in der Höhe

Häufig gestellte Fragen

Ist die Höhenkrankheit gefährlich?

In der leichten Form ist sie unangenehm, aber nicht gefährlich — sie klingt mit Ruhe auf derselben Höhe von selbst ab. Gefährlich wird sie erst, wenn man die Symptome ignoriert und sie sich zu HAPE (Höhenlungenödem) oder HACE (Höhenhirnödem) entwickelt. Die entscheidende Regel: Symptome früh erkennen, nicht weiter aufsteigen.

Kann ich Höhenkrankheit mit Medikamenten verhindern?

Acetazolamid (Diamox), auf ärztliche Verschreibung 24 Stunden vor dem Aufstieg begonnen, senkt das Risiko deutlich. Es ersetzt aber kein schrittweises Aufsteigen — auch mit medikamentöser Prophylaxe bleibt ein konsequentes Akklimatisierungsprogramm unverzichtbar.

Wer ist am stärksten gefährdet?

Wer schon einmal Bergkrankheit hatte, wer zu schnell aufsteigt — und, überraschenderweise, junge Erwachsene. Kondition schützt nicht: die individuelle Empfindlichkeit hängt vor allem von der Genetik ab.