Himalaya, Nepal
Auf 8091 m, mit 35% verfügbarem Sauerstoff, steigt die wahrgenommene Anstrengung im Vergleich zum Meeresspiegel.
3. Juni 1950. Maurice Herzog und Louis Lachenal stehen auf dem Gipfel des Annapurna I — 8 091 Meter über dem Meeresspiegel, im Herzen des nepalesischen Himalaya. Die Luft enthält dort eben nur 35% des Sauerstoffs, den wir auf Meereshöhe einatmen. Die französische Expedition war eigentlich für den Dhaulagiri aufgebrochen — doch dann kam alles anders. Was zählt: An jenem Tag bestieg ein Mensch zum ersten Mal in der Geschichte einen Achttausender. Herzog verlor alle Finger und Zehen durch Erfrierungen. Er schrieb ein Buch. Elf Millionen Exemplare.
Der Annapurna I ist der zehnte Berg der Welt nach Höhe — und der gefährlichste aller 14 Achttausender. Die historische Sterblichkeitsrate liegt bei über 30%. Das ist halt keine abstrakte Zahl.
| Angabe | Wert |
|---|---|
| Höhe | 8 091 m ü. M. |
| Gebirge | Nepalesischer Himalaya, Provinz Gandaki |
| Schwierigkeit | ED+ — Extrembergsteigen, extreme Lawinengefahr |
| Höhenunterschied ab BC | 3 961 m (North BC 4 130 m → Gipfel 8 091 m) |
| Geschätzte Strecke H/R | ~8 km (Nordnormalweg) |
| Zeit ab Lager IV | 7–10h (L4 7 400 m → Gipfel) |
| Gesamte Expedition | ~50–60 Tage |
| Beste Saison | April – Mai (Gipfelfenster: Ende April) |
| Ausgangspunkt | Annapurna North Base Camp (4 130 m) |
| Hochlager | L1 (5 150 m), L2 (5 700 m), L3 (6 500 m), L4 (7 400 m) |
| Erstbesteigung | 3. Juni 1950 — Maurice Herzog & Louis Lachenal (Frankreich) |
Die Normalroute folgt der Nordflanke und dem Nordwestgrat — derselben Linie wie bei der Erstbesteigung 1950. Sie ist der einzige regelmäßig begangene Weg. Einen einfachen Abschnitt gibt es am Annapurna doch eigentlich nicht.
4 130 m → 5 150 m | Höhenunterschied: +1 020 m | Zeit: 6–8h
Querung des nördlichen Annapurna-Gletschers — stark zerklüftetes Terrain, das sich jede Saison verändert. Steigeisen, Eispickel und Seilschaft sind von Anfang an Pflicht. Lager I bei etwa 5 150 m, am Fuß der Nordflanke.
5 150 m → 5 700 m | Höhenunterschied: +550 m | Zeit: 4–5h
Gemischtes Eis- und Schneegelände. Das Lawinenrisiko nimmt hier deutlich zu. Die Seitenwände über der Route entlassen den ganzen Tag über Trümmer nach unten. Frühmorgendliche Passagen — wenn die Schneedecke noch fest ist — sind die einzigen halbwegs sicheren Zeitfenster.
5 700 m → 6 500 m | Höhenunterschied: +800 m | Zeit: 5–8h
Der schwierigste und gefährlichste Abschnitt. Gemischtes Gelände, instabile Felsen, Serac-Exposition. Die Fixseile werden jede Saison neu verlegt, weil sich die Route mit dem Gletscher verschiebt. Nahezu alle dokumentierten Unfälle am Annapurna ereigneten sich in diesem Höhenband.
6 500 m → 7 400 m | Höhenunterschied: +900 m | Zeit: 5–7h
Offeneres Gelände, technisch weniger anspruchsvoll. Aber ab 6 500 m beginnt der Körper sich abzubauen statt zu akklimatisieren. Das Urteilsvermögen lässt nach — oft unmerklich. Lager IV bei 7 400 m ist der letzte Stützpunkt vor dem Gipfelsturm.
7 400 m → 8 091 m | Höhenunterschied: +691 m | Zeit: 7–10h
Start zwischen Mitternacht und 2 Uhr. Das Tempo ist extrem langsam — 50 Schritte, Pause, weiter. Auf 8 091 m enthält die Luft 35% des Sauerstoffs auf Meereshöhe. Der finale Gipfelgrat erfordert technische Aufmerksamkeit selbst bei guten Bedingungen. Wer oben ankommt, hat den Abstieg noch vor sich. Das ist oft der schwerere Teil.
Auf 8 091 m sinkt der Luftdruck auf etwa 358 hPa — gegenüber 1 013 hPa auf Meereshöhe. Typische SpO₂ am Gipfel für akklimatisierte Bergsteiger mit Zusatzsauerstoff: 50–65%. Ohne Sauerstoff: unter 50%, oft deutlich darunter.
Die Todeszone beginnt bei 8 000 m — 91 Meter unterhalb des Annapurna-Gipfels. Darüber akklimatisiert sich der Körper nicht mehr. Er baut ab. Und der kognitive Abbau ist besonders tückisch: Man glaubt, klar zu denken, und trifft dabei objektiv schlechte Entscheidungen.
Mindestens 4 Akklimatisierungsrotationen sind nötig — mit je vollständiger Rückkehr ins Basislager zwischen den Phasen. Hoch gehen, tief schlafen. So baut man Akklimatisierung auf.
Schwere AMS-Symptome — anhaltende Kopfschmerzen, Erbrechen, Ataxie, Verwirrtheit — sind ein Notfall. Sofortiger Abstieg, Zusatzsauerstoff wenn vorhanden, Dexamethason wenn vorhanden.
Mindestvoraussetzungen: ein anderer Achttausender mit Zusatzsauerstoff (Cho Oyu oder Manaslu), dazu ein oder mehrere technische Siebentausender. Ohne 8 000-m-Erfahrung kein Annapurna — das ist keine Empfehlung, das ist Physiologie.
Wesentliche Ausrüstung: Sauerstoffmaske und -regler, 4–6 Flaschen à 6L, Expeditionsanzug (−40°C), Doppelbergschuhe, 12-Punkt-Steigeisen, Technischer Eispickel, Jumar, UKW-Funkgerät.
Kosten: Kommerzielle Annapurna-Expeditionen kosten 25.000–50.000 USD, einschließlich nepalesischem Permit.
Am Gipfel des Annapurna I (8 091 m) enthält die Luft 35% des Sauerstoffs auf Meereshöhe. Der Luftdruck liegt bei etwa 358 hPa statt den normalen 1 013 hPa. Jeder Atemzug liefert ein Drittel des Sauerstoffs, den er auf Meereshöhe liefern würde. Fast alle Bergsteiger verwenden Zusatzsauerstoff oberhalb von 7 000 m.
Die historische Sterblichkeitsrate liegt bei über 30% — mehr als dreimal so hoch wie beim K2. Hauptfaktoren sind die extreme Lawinengefahr an der Nordflanke, ein Normalweg ohne wirklich sicheres Gelände und ein unberechenbares Wetter durch die Lage der Bergkette vor der Monsunfront.
Am 3. Juni 1950 erreichten die Franzosen Maurice Herzog und Louis Lachenal als erste Menschen überhaupt den Gipfel eines Achttausenders. Beide erlitten schwere Erfrierungen. Herzog verlor alle Finger und Zehen. Sein Buch Annapurna (1951) wurde mit über 11 Millionen Exemplaren das meistverkaufte Bergbuch aller Zeiten.
April–Mai ist das Hauptfenster, wobei Anfang bis Mitte April statistisch die besten Chancen bietet, bevor der Monsun einsetzt. September–Oktober ist eine zweite Möglichkeit, aber die Bedingungen sind dort generell unbeständiger.
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