Dolomiten, Provinz Belluno, Venetien, Italien
Auf 3220 m, mit 67% verfügbarem Sauerstoff, steigt die wahrgenommene Anstrengung im Vergleich zum Meeresspiegel.
Der Monte Civetta ragt 3220 Meter über dem Zoldotal und dem Alleghe-See auf, und seine Nordwestwand — tausend Meter senkrechter Fels — gehört zu den unverkennbaren Profilen der Dolomiten. Hier eröffnete Emil Solleder 1925 jene Route, die viele als die erste Sechser-Tour der Klettergeschichte betrachten. Der Gipfel selbst wurde schon 1855 erreicht: wohl der erste große Dolomitengipfel überhaupt. Auf 3220 Metern enthält die Luft nur noch 67% des Sauerstoffs von Meereshöhe. Diese Zahl allein stoppt dich nicht. Aber der Normalweg ist lang, ausgesetzt und fast durchgehend versichert. Eine Wanderung ist das eben nicht. Das ist Alpinismus.
| Daten | Wert |
|---|---|
| Höhe | 3220 m |
| Lage | Dolomiten, Provinz Belluno, Venetien, Italien |
| Schwierigkeit | Versicherter Normalweg — ~22 Drahtseil-Abschnitte, bis Grad C, sehr ausgesetzt |
| Verfügbarer Sauerstoff | 67% des Meeresspiegels |
| Höhenmeter | ~1713 m (netto, Palafavera bis Gipfel) |
| Aufstiegszeit | 7–8h ab Palafavera |
| Beste Saison | Juli – Mitte September |
| Ausgangspunkt | Palafavera (1507 m) |
| Schutzhütten | Coldai (2132 m), Torrani (2984 m) |
Die klassische Linie startet in Palafavera (1507m), an der Straße zum Passo Staulanza. Über die Schotterpiste (Weg 564) geht es Richtung Malga Pioda, dann auf Weg 556 zum Rifugio Coldai Sonino (2132m) — rund zwei Stunden. Das Coldai liegt an der Alta Via 1 und ist stark frequentiert. Wer dort schlafen will, reserviert eben früh.
Von der Hütte beginnt der Sentiero Tivan (557), der fast eben die Ostflanke entlangführt. Ein langer, herrlicher Quergang, der Pelmo immer im Blick. Und doch: „eben" heißt halt nicht „leicht". Schon hier sichern ein paar Drahtseile die Passagen, man quert die Zoliere-Türme und die Porta del Masarè (2420m), und nach Stunden des Gehens ist der Höhengewinn fast null. So ist dieser Zustieg nun mal. Man geht viel und steigt wenig.
Der eigentliche Klettersteig beginnt am Fuß eines Schuttfelds, etwa auf 2221m unter der Crepa Bassa. Ab hier bleibt das Set dran. Die Seile sind nummeriert — 22 sind es, ein paar Hundert Meter insgesamt. Manche Abschnitte sind stark ausgesetzt, andere bloß einfache Felsstufen für Hände und Füße. Man passiert das Seil des Passo del Tenente (Grunwald), rund 25 Meter lang, steigt in eine Schuttrinne, nimmt einen vier Meter hohen Kamin. Dann führen die letzten 300 Meter zum Rifugio Torrani (2984m) — winzig, ein einziger Raum, zwölf Plätze. Danach noch ein paar Seile und etwa vierzig Minuten Grat bis zum Gipfelkreuz.
Das Panorama, wenn das Wetter mitspielt, entschädigt für alles: im Westen der Abgrund über dem Alleghe-Tal, über zwei Kilometer tiefer, und der Coldai-See.
⚠️ Warnung: Alle Normalwege auf die Civetta sind Klettersteige. Komplettes Set, Helm und Gurt sind nicht verhandelbar. Die Tour verlangt Erfahrung auf ausgesetztem, versichertem Gelände und einen Tag stabiles Wetter. Prüfe die Bedingungen immer bei den Hütten Coldai und Torrani oder beim CAI Veneto, bevor du losgehst.
Auf 3220m beträgt der Sauerstoffpartialdruck 67% des Meeresspiegels. Für einen gesunden Menschen macht diese Höhe allein keine ernsten Probleme. Der Knackpunkt liegt woanders: Die Civetta ist eine Dauerbelastung. Sieben, acht Stunden Gehen und Klettern, das meiste über 2000 Metern, mit einem Set, das eben bremst. Bei 67% Sauerstoff kommt die Erholung zwischen zwei Zügen langsamer, als man denkt. Am stärksten spürst du es an den steilen Seilen — der Atem kehrt nach und nach zurück.
Wer im Coldai oder Torrani schläft, kommt teilweise angepasst oben an, und das hilft doch sehr. In einem Zug vom Tal aus macht sich die Höhe im Schlussteil bemerkbar: schwere Beine, kurzer Atem. AMS-Symptome sind hier selten. Leichte Kopfschmerzen oder etwas Übelkeit können auf den letzten Metern auftreten, meist mit Trinken und langsamem Tempo beherrschbar.
Ein gesunder, akklimatisierter Mensch zeigt am Gipfel eine typische SpO₂ zwischen 89% und 93%. Unter 85% mit anhaltenden Kopfschmerzen, Übelkeit oder Verwirrung heißt es: absteigen. Trink, bevor du Durst hast — in der Höhe kommt der Durst spät.
Die Civetta ist kein erster Klettersteig. Schon der Zustieg ist anspruchsvoll, und der versicherte Weg ist lang und ausgesetzt, mit Passagen bis Grad C. Von einem Anfänger gefragt, antwortete ein einheimischer Bergführer ganz direkt: Fang woanders an.
Passendes Profil: solide Erfahrung auf mittelschweren bis schweren Klettersteigen, gute aerobe Ausdauer (7 bis 8 Stunden Aufstieg plus Abstieg), keine lähmende Höhenangst.
Pflichtausrüstung: zertifiziertes Klettersteigset (Gurt und Y-Lanyard mit Bandfalldämpfer), Helm, Bergschuhe mit steifer Sohle, Handschuhe für die Seile, wasserdichte Schichten.
Wasser: keine Quellen unterwegs. Mindestens 2 Liter mitnehmen oder an den zwei Hütten auffüllen. Am Parkplatz Palafavera gibt es einen Brunnen.
Saison: Juli bis Mitte September, wenn Coldai und Torrani offen und die Felsen schneefrei sind. Brich früh auf — 5 Uhr ist nicht übertrieben — um den Nachmittagsgewittern zuvorzukommen.
Auf 3220m sind 67% des Meeresspiegel-Sauerstoffs verfügbar, bei einem Luftdruck von rund 684 hPa gegenüber 1013 an der Küste. Für Gesunde ist das an sich kein Hindernis, doch die gefühlte Anstrengung auf dem langen versicherten Weg mit Rucksack liegt deutlich über der einer vergleichbaren Tour im Flachland.
Nein. Alle Normalwege sind Klettersteige, und dieser zählt rund 22 Drahtseil-Abschnitte mit Passagen bis Grad C in sehr ausgesetztem Gelände. Es braucht solide Erfahrung. Anfänger sollten erst auf kürzeren, besser gesicherten Routen üben.
Das Risiko ist gering. Auf 3220m sind ernste Symptome bei Gesunden selten, vor allem mit einer Hüttennacht. Leichte Kopfschmerzen können am Schluss auftreten — Trinken und langsames Tempo reichen meist. Wird es schlimmer, steigt man ab.
Ja, zwingend. Der Weg ist über fast die ganze Länge versichert und führt durch steinschlaggefährdete Zonen. Komplettes Set mit Bandfalldämpfer, Helm und Gurt sind unverzichtbar.
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