Seit der Pandemie haben Millionen Menschen Apps heruntergeladen, die versprechen, den Sauerstoffgehalt im Blut per Handykamera zu messen. Funktioniert das? Fast nie so, wie erhofft.
Manche Handys liefern brauchbare Schätzwerte. Die meisten "Oxymetrie"-Apps in den Stores dagegen sind für einen echten medizinischen Einsatz schlicht nicht zuverlässig — und der Unterschied zwischen beiden Kategorien ist auf einem Store-Screenshot überhaupt nicht zu erkennen.
Wie viel Sauerstoff an deiner Höhe in der Luft steckt, ganz ohne Sensor, zeigt dir der Oxymeter-Rechner.
Echte Oxymetrie gegen "Kamera-Oxymetrie"
Wie ein echtes Pulsoximeter funktioniert
Ein zertifiziertes Pulsoximeter nutzt zwei LEDs — eine rote (660 nm), eine infrarote (940 nm) —, die durch das Gewebe eines Fingers strahlen. Aus dem Verhältnis, wie stark jede Wellenlänge von oxygeniertem gegenüber desoxygeniertem Hämoglobin absorbiert wird, errechnet das Gerät die SpO2 mit einer Fehlerspanne von nur ±2-3 %.
Das braucht spezifische Hardware: zwei kalibrierte LEDs und einen Fotodetektor, exakt auf der anderen Seite des Fingers positioniert. Das kann die Rückkamera eines Smartphones nicht nachbilden. Punkt.
Das Problem der Kamera-Apps
Apps, die Kamera und Blitz nutzen, schätzen die Sättigung aus der Hautfarbe. Drei Probleme, das schwerwiegendste zuerst:
- Der LED-Blitz eines Handys strahlt weißes Licht aus, nicht die spezifischen Wellenlängen (660 nm / 940 nm), die die Oxymetrie tatsächlich braucht
- Der Kamerasensor ist nicht dafür gebaut, die differenzielle Lichtabsorption im Gewebe zu messen
- Der typische Fehler liegt bei ±10-15 % oder schlimmer — eine Spanne, die die Werte klinisch nutzlos macht
Eine "gemessene" SpO2 von 95 % über eine Kamera-App könnte einem echten Wert zwischen 80 % und 100 % entsprechen. Viel zu ungenau für alles, worauf es wirklich ankommt.
Handys mit echtem SpO2-Sensor: was es gibt
Ein paar Hersteller haben echte SpO2-Sensoren in Handys oder Smartwatches verbaut.
| Gerät | SpO2-Sensor | Genauigkeit (ungefähr) | Hinweis |
|---|---|---|---|
| Samsung Galaxy S8, S9, S10, S20 | Ja (Rückseite) | ±3-5 % | Ab S21 nicht mehr verbaut |
| Samsung Galaxy Watch 4/5/6/7 | Ja (Handgelenk) | ±3-5 % | Durchgehende Messung über Nacht |
| Apple Watch Series 6+ | Ja (Handgelenk) | ±3-5 % | Optimiert für SpO2 ≥ 90 % |
| Garmin Fenix 7/8, Forerunner 965 | Ja (Handgelenk) | ±3-4 % | Nützlich für Trends in der Höhe |
| iPhone (jedes Modell) | Nein | N/A | Kein SpO2-Sensor vorhanden |
| Android ohne dedizierten Sensor | Nein | N/A | Kamera-Apps sind nicht vertrauenswürdig |
Handgelenk oder Finger: das macht einen Unterschied
Sensoren am Handgelenk (Apple Watch, Galaxy Watch, Garmin) sind aus drei Gründen weniger genau als Fingergeräte: Die Durchblutung ist am Handgelenk schwächer, der Druck des Armbands verzerrt das Signal, und Bewegungsartefakte treten häufiger auf.
Für medizinische Entscheidungen bleibt der Finger die richtige Wahl.
Wann das Handy reicht
Eine Tendenz bei einer gesunden Person beobachten
Mit einer Smartwatch mit echtem SpO2-Sensor lässt sich beobachten, wie sich die Sättigung über Nacht verändert (nützlich, um eine vermutete Schlafapnoe aufzuspüren), wie sie sich unter Belastung entwickelt, oder man bekommt einen groben Anhaltspunkt in der Höhe — rein indikativ.
Persönliche Neugier, ohne medizinische Tragweite
Zu sehen, wie der Körper auf einen steilen Anstieg reagiert, mit einer Uhr, die den richtigen Sensor hat, ist ein interessanter Datenpunkt. Eine Grundlage für Gesundheitsentscheidungen ist das aber nicht.
Wann wirklich ein zertifiziertes Fingerpulsoximeter nötig ist
Ein zertifiziertes (CE IIa) Fingerpulsoximeter lohnt sich, wenn:
- Du COPD, schweres Asthma oder Herzinsuffizienz hast — dann muss das Monitoring präzise sein
- Du über 3.500 m unterwegs bist — dort kann der ±5-%-Fehler einer Uhr über zwei gegensätzliche Entscheidungen entscheiden
- Du eine COVID-19-Erkrankung mit Lungenbeteiligung hattest — die Erholung braucht verlässliche Zahlen
- Du über 65 bist und eine Atemwegserkrankung hast — dein Arzt will vielleicht präzise Referenzwerte
- Du ein Familienmitglied zu Hause überwachst — die ±2-%-Präzision eines Fingergeräts gibt echte Sicherheit
Die Preise bleiben überschaubar:
- Contec CMS50D: 20–40 € (CE IIa zertifiziert)
- Beurer PO80: 40–70 € (CE IIa zertifiziert)
- Nonin GO2: 130–200 € (FDA-510(k)-zertifiziert — klinischer Standard)
Mehr dazu im Ratgeber zum besten Pulsoximeter für die Berge.
Apps, die wirklich helfen (die echten)
"Kamera-Oxymetrie"-Apps bleiben unzuverlässig. Es gibt aber legitime Apps, die ein Fingerpulsoximeter begleiten, statt es zu ersetzen.
| App | Funktion | Plattform |
|---|---|---|
| Samsung Health | Liest SpO2 vom Galaxy-Watch- oder Handysensor | Android |
| Health (Apple) | SpO2-Verlauf von der Apple Watch | iOS |
| Garmin Connect | Nächtlicher SpO2-Verlauf von Garmin-Geräten | iOS / Android |
| Oxymeter.it | Berechnet den verfügbaren Sauerstoff nach Höhe | Web / PWA |
Keine dieser Apps misst die SpO2 selbst — sie lesen sie aus dem Hardware-Sensor des Geräts, mit dem sie gekoppelt sind.
Die praktische Lösung: kombinieren
Wer die Atemwegsgesundheit überwacht oder in die Berge geht, fährt mit einer Kombination aus mehreren Werkzeugen am besten.
- Zertifiziertes Fingerpulsoximeter (20–40 €) — für Referenzmessungen morgens und abends, besonders bei Atemwegserkrankungen oder in der Höhe
- Smartwatch mit SpO2 (falls schon vorhanden) — für nächtliche Trends und Desaturierungswarnungen im Schlaf
- Oxymeter-Rechner — um zu wissen, wie viel Sauerstoff an deiner Höhe in der Luft steckt, und den Messwerten einen Kontext zu geben
Pulsoximeter zu Hause vergessen? Die alternativen Methoden zur SpO2-Schätzung decken auch die klinischen Anzeichen ab, die man ganz ohne Gerät erkennen kann.
Häufig gestellte Fragen
Kann man mit dem Handy den Sauerstoff im Blut messen?
Nur wenn das Handy einen dedizierten SpO2-Sensor hat (manche Samsung Galaxy bis zum S20). Apps mit der Standardkamera liegen bei ±10-15 % Fehler — inakzeptabel für medizinische Zwecke.
Sind Oxymetrie-Apps fürs iPhone zuverlässig?
Nein. Das iPhone hat keinen SpO2-Sensor. Die Apple Watch Series 6+ hat einen Sensor am Handgelenk (±3-5 %), verlässlicher als die Kamera, aber unter einem zertifizierten Fingerpulsoximeter.
Welche App misst den Sauerstoff auf Android am besten?
Auf Samsung Galaxy mit SpO2-Sensor liefert Samsung Health akzeptable Werte für den nicht-klinischen Gebrauch. Auf anderen Android-Geräten ohne Sensor ist keine Kamera-App medizinisch brauchbar.
Wann braucht es ein echtes Fingerpulsoximeter?
Bei COPD, schwerem Asthma, Herzinsuffizienz, oberhalb von 3.500 m oder bei ernsthaftem medizinischem Monitoring. Ein Contec CMS50D kostet 20–40 € und ist weit präziser als jede Handy-App.
Bist du in Höhenlage unterwegs oder planst eine Expedition? Nutze den Oxymeter-Rechner, um zu sehen, wie viel Sauerstoff tatsächlich an deiner Höhe in der Luft steckt — und gib deinem Pulsoximeter-Messwert einen Kontext.





