Am Everest bringt dir jeder Atemzug weniger als ein Drittel des Sauerstoffs, den du in der Ebene einatmest. Nicht weil die Luft eine andere Zusammensetzung hätte — sie besteht nach wie vor zu 20,9 % aus O₂ — sondern weil der Luftdruck auf 8.848 m nur noch 314 hPa beträgt, gegenüber 1.013 hPa auf Meereshöhe. Der Sauerstoff-Partialdruck fällt von 21,2 kPa auf 6,6 kPa, und die Lungen schaffen es einfach nicht mehr, genug O₂ ins Blut zu übertragen, um Kognition und Motorik normal aufrechtzuerhalten.

Nutze den Oxymeter-Rechner — er zeigt dir den verfügbaren Sauerstoff für jede beliebige Höhe.

Die Daten: Sauerstoff und Druck auf dem Weg zum Gipfel

Höhe (m)ReferenzpunktLuftdruck (hPa)O₂ verfügbarSpO₂ typisch
0Meeresspiegel1013100 %98–99 %
5.364Everest-Basislager54053 %80–85 %
6.400Lager I47046 %74–80 %
7.200Lager II40940 %68–75 %
7.900Lager III36036 %61–69 %
8.300Lager IV — South Col33533 %58–66 %
8.848Everest-Gipfel31431 %55–65 %

Quelle: ISA-Modell (ISO 2533:1975) + experimentelle Daten aus West JB. et al., PMC.

Warum das Atmen am Everest so schwer fällt

Das Problem liegt nicht an der Menge des O₂ in der Luft, sondern am Partialdruck (pO₂): der Kraft, mit der Sauerstoffmoleküle durch die Alveolarmembran in die Blutbahn drängen. Bei niedrigem Partialdruck ist dieser Transfer weniger effizient — wie der Versuch, einen Reifen mit einer fast leeren Pumpe aufzupumpen.

Auf 8.848 m liegt der pO₂ bei rund 6,6 kPa. Das Hämoglobin, das den Sauerstoff im Blut transportiert, ist nur noch zu 55–65 % gesättigt, statt zu den normalen 98–99 %. Das Gehirn, das etwa 20 % des körpereigenen Sauerstoffs verbraucht, gerät in kritische Hypoxie: verlangsamtes Denken, Halluzinationen, Koordinationsverlust.

Gipfelsteiger beschreiben den Aufstieg als Gehen in einem Wachtraum. Jeder Schritt kostet 6–10 Atemzüge — und einfache Entscheidungen, wo man den nächsten Fuß hinsetzt oder wie man einen Karabiner einhakt, werden so anspruchsvoll wie ein Matheproblem zu lösen. Das ist halt keine Übertreibung; das ist Physiologie.

Die Todeszone: was oberhalb von 8.000 m passiert

Oberhalb von 8.000 m kann der Körper sich nicht mehr dauerhaft akklimatisieren. Akklimatisierung — mehr rote Blutkörperchen produzieren, den Blut-pH anpassen, die Belüftung steigern — braucht Wochen und funktioniert gut bis etwa 5.500–6.000 m. Darüber schreitet der Abbau schneller voran als die Anpassungsfähigkeit.

In der Todeszone:

  • Gehirnzellen nehmen auch im Ruhezustand Schaden
  • Das Risiko eines Höhen- oder Hirnödems (HACE/HAPE) steigt stark
  • Das Herz arbeitet selbst bei minimaler Aktivität am Limit
  • Die Dehydrierung beschleunigt sich (Hyperventilation + kalte, trockene Luft)
  • Das Erfrierungsrisiko ist extrem (mittlere Gipfeltemperatur im Mai: −36 °C)

Deshalb versuchen Everest-Aspiranten, den gesamten Abschnitt oberhalb von 8.000 m in einem einzigen 12–18-Stunden-Fenster zu bewältigen — ohne Schlafen.

Wie überleben Bergsteiger ohne Flaschensauerstoff?

Die erste sauerstofffreie Besteigung gelang Reinhold Messner und Peter Habeler am 8. Mai 1978. Davor hielt die Wissenschaft es für physiologisch unmöglich, den Gipfel ohne künstlichen O₂ zu überleben.

Was es möglich macht, ist eine extreme, schrittweise Akklimatisierung — die Monate dauern kann:

  1. Ventilatorische Anpassung: Die Atemfrequenz steigt auch in Ruhe, senkt das CO₂ im Blut und verschiebt die Hämoglobin-Dissoziationskurve
  2. Polyzythämie: Die Produktion roter Blutkörperchen steigt um 20–30 %, die Sauerstofftransportkapazität nimmt zu
  3. Zerebrale Anpassung: Das Gehirn lernt doch noch ein Stück weit, mit weniger O₂ auszukommen — indem es nicht lebensnotwendige Prozesse verlangsamt
  4. Günstige Genetik: Bestimmte Genvarianten (EPAS1, bekannt als "Sherpa-Gen") steigern die Sauerstoffextraktion

Selbst mit all diesen Anpassungen fällt die SpO₂ am Gipfel ohne Flaschensauerstoff auf 55–65 %. Auf Meereshöhe wären das ein medizinischer Notfall. Am Everest toleriert der Körper diese Werte für wenige Stunden — aber mit erheblichem körperlichem Verschleiß.

Vergleich mit anderen Extremgipfeln

GipfelHöhe (m)O₂ verfügbarOhne Flaschensauerstoff?
Aconcagua6.96143 %Ja, für die meisten Bergsteiger
Cho Oyu8.18834 %Selten
Denali6.19045 %Ja, normalerweise
K28.61132 %Selten
Everest8.84831 %Ja, aber nur für sehr wenige und mit hohem Risiko

Was sich bei zugänglicheren Höhen anfühlt — etwa am Aconcagua (6.961 m) oder am Elbrus (5.642 m) — lässt sich mit dem Rechner konkret simulieren.

Mehr lesen: Alle Guides zu Höhengesundheit

Häufige Fragen

Wie viel Sauerstoff gibt es am Everest?

Auf 8.848 m beträgt der Luftdruck 314 hPa — 31 % des Meeresspiegelwerts. Der pO₂ fällt auf 6,6 kPa gegenüber 21,2 kPa in der Ebene. Jeder Atemzug liefert weniger als ein Drittel der Sauerstoffmoleküle, die du auf Meereshöhe einatmest.

Kann man den Everest ohne Flaschensauerstoff besteigen?

Ja — aber das ist eine außerordentliche Leistung. Die erste solche Besteigung gelang Messner und Habeler 1978. Sie erfordert jahrelange Vorbereitung, extreme Akklimatisierung und günstige Genetik. Die große Mehrheit der Gipfelaspiranten greift ab 7.000–8.000 m auf Flaschensauerstoff zurück.

Wo beginnt die Todeszone?

Konventionell ab 8.000 m. Dort übersteigt der körperliche Abbau die Erholungsfähigkeit — auch im Ruhezustand. Bergsteiger versuchen, die Zeit in dieser Zone so kurz wie möglich zu halten.

Welche SpO₂-Werte messen Gipfelsteiger am Everest?

Zwischen 55 % und 65 % — sogar bei gut akklimatisierten Alpinisten, laut Daten aus PMC. Auf Meereshöhe wäre das ein Notfall; in der Höhe hat der Körper partielle Anpassungen entwickelt, die diese Werte kurzzeitig tolerierbar machen.


Willst du den verfügbaren Sauerstoff für deine nächste Zielhöhe berechnen? Nutze den Oxymeter-Rechner — Höhe eingeben, O₂-Prozentsatz, Luftdruck und Risikoniveau sofort ablesen.

Für die vollständige Sauerstofftabelle von 0 bis 8.848 m gibt es einen eigenen Artikel.